Schaut man sich vor allem die unteren Formen der
Minuscule an, liegt anfangs die Vermutung nahe, dass man es mit einem der vielen technoiden Displayfonts aus jüngster Vergangenheit zu tun hat – tatsächlich ist aber das genaue Gegenteil der Fall. Die Schriftfamilie des französischen Typografen
Thomas Huot-Marchand ist speziell für die Verwendung in kleinen Größen gedacht – je nach Schriftschnitt schrittweise von 6 Punkt (oben) bis hinunter zu 2 Punkt!
Um Schriften in einer solch geringen Größe lesbar zu gestalten, müssen die Buchstaben speziell für die Ausgabegrößen geschnitten werden. Zu Zeiten des Bleisatzes wurden Schriften in verschiedenen, meist wenigen Graden hergestellt. Der Vorteil daran war, dass die Schnitte auf ihre Größe speziell optimiert werden konnten und ein gutes Druckergebnis somit möglich. Im Zeitalter des Computers ist die Entwicklung dagegen so, dass durch die Möglichkeit der Skalierbarkeit von Schriften ihr Einsatzgebiet erweitert wurde, sie aber oft in Größen verwendet werden, für die sie einfach nicht geschaffen wurden. Eine Tendenz zur Gestaltung und Entwicklung von digitalen Schriften für spezielle Ausgabegrößen im Druck ist somit absehbar – in Zukunft wird die Unterscheidung weitaus präziser sein, als die derzeit oft verwendeten Einsatzbereiche für Text und Display.
Um eine Schrift wie die Minuscule zu entwickeln, muss man einige Punkte bei der Charakteristika der Formen beachten: zum einen besitzen Fonts dieser Art eine hohe X-Höhe, wodurch sie optisch weniger kompakt wirken; sehr offen gezeichnete Buchstaben um ein zulaufen der Punzen und Strichkreuzungen im Druck zu vermeiden, robuste (Slab-)Serifen, eine betont vertikale Ausrichtung sowie eine hohe Laufweite, um das Zusammenfließen der Buchstaben beim lesen zu verringern.
Neben der Minuscule gibt es noch Fonts, welche für ähnliche Zwecke konzipiert worden sind. Erwähnenswert in dem Zusammenhang sind die
La Formica von Volker Heim und der »MicroText™ Specialty Imaging Font« von
XEROX, welcher gar in 0,7pt lesbar bleibt. Mit dem Font ist es möglich, ein 100-seitiges Buch auf einer A4-Seite zusammenzufassen. Seinen Einsatz findet er in personalisierten Dokumenten wie Zeugnisse, Geburtsurkunden und Ausweispapiere, wo es besonders wichtig ist, dass diese nahezu fälschungssicher sind.
Ich habe die Minuscule mal probehalber auf einem durchschnittlichem Tintenstrahldrucker getestet und ich war überrascht, wie gut sie trotz des eher schlechten Druckverfahrens lesbar ist. Auch wenn die Formen und Ansätze äußerst interessant sind, bleibt der Minuscule eben doch das Manko, einen stark eingeschränkten Einsatzbereich abzudecken.
Ein ausführliches Schriftmuster gibt es
hier (PDF).